Freitag, 18. September 2015

Zur Flüchtlingskrise

Man muss sich das mal vor Augen halten: Da reagieren Banker in Bruchteilen von Sekunden auf Kursschwankungen an der Börse, aber Europa ist nicht in der Lage, innerhalb von Monaten auf die Flüchtlingskrise angemessen zu reagieren. Stattdessen schotten sich einzelne Staaten ab, errichten Stacheldrahtzäune gegen die Flüchtlinge und stecken sie ins Gefängnis. Das kommt dabei raus, wenn Politik nicht das leistet, was sie eigentlich leisten soll, nämlich menschliches Zusammenleben in der Ganzheit zu regeln.
Toll, dass Angela Merkel, die begnadete Mikadospielerin, die immer erst abwartet, bis das vorletzte Holzstäbchen gefallen ist, dann doch noch den Mut gehabt hat, ihrer Rolle als Mutti der Kompanie Deutschland gerecht zu werden. Und auf einmal sind die Deutschen von schnauzbärtigen Hitlerkarikaturen (Merkel) und stahlharten Finanzfuzzis (Schäuble) mutiert zu einem Hippie-Volk um Mutti Teresa (Angela), was noch vor ein paar Monaten niemand geglaubt hätte. Schon gar nicht, als im Land die Asylheime brannten und die Nazis ihr Unwesen trieben (Goethe hatte also recht, als er Mephisto die Worte in den Mund legte, ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft).
Mit dem Flüchtlingsproblem ist es so ähnlich wie mit PEGIDA. Wer gegen die Armen auf die Straße geht oder glaubt, sie würden uns unseren Wohlstand wegnehmen, der geht nicht gegen die Reichen vor, nicht gegen die, die uns unseren bescheidenen Wohlstand tatsächlich wegnehmen. Dadurch, dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird und wir mehr und mehr zum Spielball der Superreichen und ihrer Lobbyistenverbände werden (gegen die errichtet niemand Zäune, ganz im Gegenteil – die werden in Brüssel und Washington hofiert und wenn ein paar bewusste Zeitgenossen nicht aufgepasst hätten, hätten wir schon längst privatisiertes Wasser und private Schiedsgerichte zur Durchsetzung ihrer Profitinteressen). Und während ganz Europa mit dem Flüchtlingsproblem zu kämpfen hat, können die Reichen in aller Ruhe ihr Finanzimperium ausbauen. Niemand – oder besser, fast niemand – hindert sie daran, weil alle – fast alle – mit den Ängsten vor den Armen beschäftigt sind. Besser könnte es für die Reichen und Mächtigen dieser Welt gar nicht laufen. Der IS, Syrien, der Irak und Afghanistan sind nur Auswüchse einer skrupellosen Politik, die aus Gründen milliardenschwerer Geldgeschäfte vom Westen – allen voran den USA* –, aber auch von Russland betrieben wurde. Über Jahrzehnte hat man diese Länder gezielt destabilisiert, hat mit korrupten Machthabern und Splittergruppen Geschäfte gemacht und diese Regionen ausgebeutet (was heißt hat, das ist im Grunde immer noch so). Man denke nur an die ganz großen Deals. Die, die auf diesem Planeten die meisten Gewinne abwerfen ... Öl, Drogen, “Rüstungsgüter“. Der Volksaufstand gegen Assad und der sich jahrelang hinziehende Bürgerkrieg mündete schließlich in einen Religionskrieg – der ideale Nährboden für dschihadistische Bewegungen wie die des Islamischen Staates.
Und solange der IS die Welt in Atem hält, kann Assad weiter sein Volk meucheln und die Türken die Kurden. Die Armen flüchten derweil, ertrinken im Mittelmeer oder halten Europa auf Trab, sodass die Eliten weiter ihre Geschäfte machen, ohne dass das irgendjemanden interessiert, geschweige denn, dass irgendwas dagegen unternommen wird. So funktioniert moderner Massenkapitalismus. Die Flüchtlingskrise ist hausgemacht und im Grunde längst überfällig, so wie die Finanzkrise 2008 überfällig war.
Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner? Hier: Wenn wir die Flüchtlingskrise nicht als lästigen Auswuchs ansehen, den wir am liebsten operativ entfernen möchten, dann sollten wir uns darauf einstellen und die Zuwanderung als Chance sehen. Sicher, unser Land wird sich dadurch verändern. Aber auch Amerika war einst ein Land der Einwanderer und hat gerade deshalb Großes vollbracht. Warum also sollten wir vor den Migranten Angst haben. Oder hat irgendjemand vor denen in der Fußball-Nationalmannschaft Angst? Wohl kaum. Deutschland ist ja 2014 Weltmeister geworden.

* Deswegen hat die Regierung Venezuelas gleich mal ein Einreiseverbot gegen den früheren US-Präsidenten George W. Bush und andere prominente US-Politiker verhängt. Auch Ex-Vizepräsident Dick Cheney, der ehemalige CIA-Chef George Tenet und mehrere Kongressmitglieder stehen auf der Liste. Als offizieller Grund hierfür wird laut AFP (Agence France-Presse) der Terrorismus der besagten Personen im Nahen Osten genannt.)

Montag, 1. Juni 2015

Zum FIFA-Skandal 2015

Im Grunde offenbart der neuerliche FIFA-Skandal nur das, was eh schon seit Jahrzehnten klar war. So, wie lange vor Snowden klar war, dass wir abgehört und ausspioniert werden. Und so, wie wir uns unsere Smartphones nicht wegnehmen lassen, lassen wir uns auch den Fußball nicht wegnehmen. Lieber tanzen wir weiter nach der Pfeife derer, die uns unser modernes Leben mit so schönen Dingen wie Internet und Fußball versüßen, und gehen zur Tagesordnung über. Vielleicht in der Hoffnung, dass durch die Ermittlungen gegen namhafte FIFA-Funktionäre doch irgendwann eine Reform der FIFA in Gang kommt – aus sich selbst heraus. So, wie wir weiter hoffen dürfen, dass die NSA reformiert wird und dass von Washington und Brüssel aus eine Reform des weltweiten Finanzmarkts stattfindet. Doch sowohl das eine als auch das andere wird nicht stattfinden, wenn wir uns keine politischen Regelungsmechanismen auferlegen. Wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass dies gelingt, zeigt die Wiederwahl Sepp Platters. Noch nie war Lobbyismus so weit verbreitet und erfolgreich wie heute, weil er inzwischen globale Dimensionen angenommen hat. Unter den verhafteten Sportfunktionären sind Weiße, Schwarze und Gelbe und die menschlichen Charaktereigenschaften haben sich seit Jahrtausenden nicht geändert, erst recht nicht bei denen, die an den Hebeln der Macht sitzen. Es sind immer die gleichen Typen. Soll das FBI doch gleich gegen alle ermitteln. Gegen die Lobbyisten in Washington, Peking und Brüssel, gegen die globalen Spielkasinobetreiber, gegen die Ratingagenturen und Steueroasen ... Die Liste hätte kein Ende.
Doch würden wir ernsthaft auf die Fußball-WM in Russland verzichten, auf unsere Smartphones oder gar das Internet? Wohl kaum. Und solange es nicht Menschen gibt, die den Schneid haben, zu sagen, da machen wir nicht mit, wird alles beim Alten bleiben. Dann werden im Namen des Weltfußballs Verträge formuliert, mit denen gegebenenfalls die Arbeitnehmerrechte außer Kraft gesetzt werden und durch die tausende Arbeiter in Katar beim Bau der Sportstätten vor die Hunde gehen. Wen interessiert das wirklich? Der massen-kapitalistische Hund, der seinen eigenen Schwanz jagt, kennt keine Moral. Nur eines ist schon jetzt klar wie das Amen in der Kirche: Wir werden – sofern wir da noch leben – das Spiel der deutschen Mannschaft in Russland und Katar bejubeln. Und wer weiß, vielleicht wird Deutschland 2022 ja wieder Weltmeister.

Sonntag, 15. Februar 2015

Tsipras – Erlöser oder Schreckgespenst?

Das, was gerade in Griechenland passiert, macht Mut! Oder anders: Wäre das, was gerade in Griechenland passiert, nicht passiert, dann wär' das ein weiteres Armutszeugnis gewesen für das, was Politik im Wesen ausmacht. Denn Aufgabe von Politik ist ja, in erster Linie die Interessen eines Landes zu vertreten und damit die Interessen seiner Bürger. Vereinfacht ausgedrückt könnte man die momentane Situation in Griechenland vergleichen mit der Situation in einer Familie – denn Menschen und Staaten verhalten sich ähnlich –, in der einer der Söhne zu einem Jurastudium verdonnert wurde, nur weil der Vater als oberste Autorität das so wollte. Obwohl der Sohn ganz andere Interessen hat, muss er das Studium größtenteils selbst finanzieren – durch Nebenjobs. Eine Zeit lang wird er versuchen, die Erwartungen des Vaters zu erfüllen, doch dabei wird er immer unglücklicher und kränker, bis er schließlich das Studium hinschmeißt und sich aus dem Würgegriff der familiären Konventionen befreit. Doch schwer krank und demoralisiert kommt er so schnell nicht wieder auf die Beine – die Mutter kümmert sich vorerst um ihn.
Nichts anderes ist gerade in Griechenland geschehen. Tsipras – die Mutter – hat eingesehen, dass das arg gebeutelte Volk – also der schwer kranke Sohn – so vor die Hunde gehen würde (welche Mutter würde das zulassen?) und hat ihm umgehend Heilung zukommen lassen, in Form von kostenlosen Lebensmitteln und Energie, dadurch, dass das Taschengeld angehoben wurde (Mindestlohn) und steuerliche Vergünstigungen der Eltern jetzt direkt in die Ausbildungskosten der Kinder einfließen (Vorteile für Minister und Abgeordnete werden gestrichen). Auch soll die Kommunikation in der Familie wieder stattfinden (das staatliche Fernsehen wird wiedereröffnet), was der Vater unterbunden hatte (was von der konservativen Vorgängerregierung aus Kostengründen abgeschaltet worden war) und Gelder des Vaters, die aus illegalen Geldwäschegeschäften stammen, sollen von nun an für die Ausbildungsfinanzierung verwendet werden (sprich: Kampf gegen Korruption und Steuersünder durch Aufdeckung von Auslandsguthaben). Zudem soll das Familienbudget in Zukunft offengelegt werden (öffentliche Aufträge werden auf Korruption hin untersucht).
Den Griechen wäre es nur zu wünschen, dass das Tsipras-Märchen wahr wird – Wolfgang Schäuble wird es eh nicht beruhigen –, denn immerhin ist der Traum eines ganzen Volkes, sich durch gewählte Volksvertreter aus dem Würgegriff der Finanzjongleure befreien zu können, erst einmal wahr geworden.

Sonntag, 4. Januar 2015

Zu PEGIDA & Co.


Wenn ich zu den Mächtigen dieser Welt gehören würde und mit am runden Tisch säße von NSA, Hochfinanz- und Lobbyistenverbänden, dann käme ich in Anbetracht von Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) und Anti-Pegida vor Lachen nicht mehr in den Schlaf. Ich würde mich köstlich darüber amüsieren, wie leicht es ist, Menschen zu manipulieren, sie vom eigentlichen Geschehen abzulenken und ihnen Sündenböcke einzureden, ganz gleich, ob das nun die Juden waren, die Griechen oder – wie im Falle des Abschneidens der Brasilianer bei der Fußball-WM 2014 – Fred, der in Anbetracht des kollektiven Versagens der eigenen Mannschaft zum Sündenbock gestempelt und konsequent ausgepfiffen wurde – auch noch beim Stand von 0:6! Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Da gehen Menschen gegen die Schwächsten der Gesellschaft auf die Straße. Gegen die, die nie etwas anderes besaßen als ihren Hass auf die Amerikaner und den Westen (wir fragen nicht, warum das so ist, sondern wollen nur dieses Symptom bekämpfen). Die Pegida-Leute gehen nicht gegen Lobbyisten- und Bankenmacht auf die Straße. Nicht, um gegen die ständig zunehmende Schere zwischen Arm und Reich zu protestieren (was den Zusammenhalt unserer Gesellschaften zerstört), nicht, um sich für eine gerechtere und verantwortungsvollere Verteilung des Wohlstands unserer Nationen einzusetzen und dafür, dass natürliche Ressourcen nicht weiter hemmungslos ausgebeutet werden. Nein, sie gehen gegen die Ärmsten dieser Welt auf die Straße, weil sie Angst haben, sie könnten ihnen ihren Reichtum nehmen. Wenn ich zu den Superreichen dieser Welt gehören würde, dann würde ich jeden Tag zu irgendeiner Pegida-Demonstration aufrufen, so wie jeden Tag irgendwo auf der Welt ein McDonald’s-Restaurant eröffnet wird.

Nachtrag vom 18. März 2017:

Angeregt durch zwei Jahre Realpolitik, die seit Erscheinen meines Pegida-Artikels ins Land gegangen sind, und durch ein Ereignis, das mir sehr zu denken gegeben hat, nämlich der plötzliche Tod des Publizisten Udo Ulfkotte, der ja ein ausgesprochener Islam-Kenner war, muss ich meine Gedanken vom 04. Januar 2015 relativieren.
Ich habe seinerzeit den Einfluss der Muslimbruderschaft unterschätzt und hielt das Phänomen des radikalen Islamismus in Europa für nicht real. Das sehe ich inzwischen anders. Denn wenn man versucht, alles, was in Europa geschieht, im Zusammenhang zu betrachten, fällt auf, dass alle Ereignisse der letzten Jahre (Flüchtlingskrise, Brexit, Islamisierung) nur einem Zweck dienten, nämlich Europa zu schwächen und zu destabilisieren. Wer könnte daran ein Interesse haben? Der böse Putin? Vielleicht. Aber er verfügt nicht über die größten und teuersten Geheimdienste der Welt ... Von daher kann der erste Teil meines Pegida-Artikels ruhig bestehen bleiben. Die Mächtigen dieser Welt amüsieren sich köstlich ... Weil sie wissen, dass wir nicht herausfinden können, dass die Drohne, die eine Gruppe Journalisten in Afghanistan niederstreckt, von Rammstein aus gesteuert war. Dass ISIS-Kämpfer oder radikale Moslems gedeckt wurden, indem man sie gewähren ließ, weil man damit höhere Ziele verfolgte. Weil diejenigen, die das für Verschwörungstheorien halten, sich sogar noch darüber lustig machen, wenn einer wie Ulfkotte vorzeitig abtreten musste ...

P.S.: Letzteres erinnert stark an Platons Höhlengleichnis, das genau dieses menschliche Erkenntnis-Dilemma aufs Korn nimmt. Der erste Teil bezieht sich auf das Nicht-Erkennen-Können, der zweite Teil auf das Nicht-Erkennen-Wollen. Denn als derjenige, der aus der Höhle ausgebrochen ist (in der die anderen angekettet sind und immer nur die Schatten an der Wand sehen), zurückkehrt, um ihnen die Wahrheit zu erzählen, ist das so erschreckend, dass sie ihn erschlagen.