Donnerstag, 21. Juni 2007

Des Kaisers neue Kleider

Ein Freund von mir ist Physiker. Er glaubt fest an die Weltformel. Er meint, wenn sich alle fünf bis zehn Jahre unser Wissen verdoppelt, dann sei ihre Entdeckung nur eine Frage der Zeit. Das sehe ich anders. Ich denke, die heutige Wissenschaft steckt in einer Sackgasse, weil die Aufspaltung in immer mehr Forschungszweige, Fachbereiche und Spezialgebiete insofern ein Holzweg ist, da kaum einer mehr den Überblick hat – den Blick für das Ganze. Das führt zwangsläufig zur Trennung von Ich und Welt und – wie Gottfried Benn es nannte – in die schizoide Katastrophe.
Also leiden wir weiter unter der abendländischen Schicksalsneurose. Die Kosmologen verkünden, wir stünden kurz davor, der Welt auch noch den letzten Schleier zu entreißen. Doch das Fundament der Physik, auf das sie sich berufen, ist auf Sand gebaut.
Wieso? fragt der Physiker. Ganz einfach deshalb, antworte ich, weil es normalerweise weder die Welt noch uns geben dürfte. Die klassische Physik verbietet geradezu das, was sie postuliert – die Existenz von stabilen Atomen. Denn die unterschiedlichen Ladungen im Innern, die ja beschleunigt sind, müssten ständig Energie verlieren und ineinander stürzen. Ebenso dürfte es uns nicht geben, weil das Ich – die erste Person – in unserem naturwissenschaftlichen Weltbild nicht vorkommt. Aber man tut so, als wären diese Probleme gar nicht da. Wir sollten endlich zugeben, dass der Kaiser keine Kleider anhat. Man kann den Geist nicht aus der Materie erklären, ja wir stehen gerade mal am Anfang einer Entwicklung hin zu einem völlig neuen Verständnis von Wirklichkeit.

Na bitte! sagt der Physiker. Dann wird es eben noch ein paar Jahre dauern. Aber irgendwann werden wir eine einheitliche Theorie haben.
Werden wir nicht, meine ich. Denn diese Theorie hätte einen entscheidenden Mangel. Sie würde das Spezielle leugnen. Eben gerade weil sie empirische Sachverhalte beschreibt und keine individuellen. Das heißt, das Erkenntnisproblem durch Reduktion und Verallgemeinerung lösen zu wollen, ist ein Trugschluss. Der beste Beweis dafür ist die Entstehung unserer Welt selber und natürlich die Entstehung von Bewusstsein. Den Übergang vom anorganischen zum organischen Leben mit statistischem Zufall zu erklären ist absurd. Demzufolge würde es 10 hoch 1.800.000 Jahre dauern, bis aus der sogenannten Ursuppe ein Bakterium entstünde! Betrachtet man das menschliche Leben im statistischen Gesamtzusammenhang, dann sind wir einfach nur spiralförmige Windungen sich selbst kopierender DNA, winzige Klümpchen aus Kohlenstoff und Wasser, die auf einem mikroskopischen Pünktchen im sichtbaren Teil des Alls ein paar Jahre lang herumkreuchen, um danach wieder in die entsprechenden Elemente zu zerfallen. Dann ist das ganze Leben wirklich nur ein bedeutungsloser Zufall – ohne Sinn und Ziel. Dann wären wir – wie Sartre es ausdrückte – gar keine Brieföffner mit festgelegtem Wesen zu einem bestimmten Zweck, sondern nur wesenlose Feuersteine, die rein zufällig auch zum Brieföffnen nütze sind.
Aber was ist, sagt der Physiker, wenn es irgendwann Computer gibt, die es uns ermöglichen, das Problem von einer Metaebene zu betrachten? Darauf antworte ich, man könne nachweisen, dass es nie gelingen wird, einen Computer zu bauen, der einen eigenen Zustand vorhersagen kann, bevor dieser Zustand tatsächlich eintritt. Man kann nicht einmal die künftigen Zustände endlicher Systeme vorhersagen. Unterm Strich heißt das: Wir können Informationen nicht schneller verarbeiten, als es das Universum selbst kann. Es sei denn, wir betrachten das Problem von der Metaebene eines anderen Universums ...

1 Kommentar:

horste hat gesagt…

hallo peterlemar,

deine therorien lesen sich ganz nett und stellen sicher auch einen anstoßpunkt zum "um die ecke denken dar", aber dabei läßt du doch gern in deiner suche nach dem anderen, bzw. größeren, die harte realität etwas ausser acht. so lassen sich z.b. die zustände von endlichen deterministischen automaten (computern) sehr wohl vorhersagen, sonst gäbe es sie schlicht weg nicht. nicht sie und dieses blog hier auch nicht.
ein anderer anstoßpunkt für dich könnten z.b. die therorien des konstruktivismus (piaget, von glaserfeld) sein, die in ihrem weltbeschreibungsansatz darstellen, dass wissen und erkenntnis eben nicht extrinsisch eindoktriniert werden kann, sondern nur individuell in den köpfen der menschen entsteht...