Mittwoch, 25. Februar 2026

Der falsche McCartney

Als ich am 1. April 1985 von der Schule, an der ich Musiklehrer war, nach Hause kam, hing ein Zettel an der Tür, auf dem stand, ich sei seit heute offizielles Mitglied von Logo (zu der Zeit neben Amor & die Kids die beste und erfolgreichste Leipziger Rockband). Das war für mich wie ein Fünfer im Lotto, einfach nicht zu fassen. Gleich die nächste Mugge war bei Rock für den Frieden im Berliner Palast der Republik.

Genau so muss es William Campbell gegangen sein, nur um Welten darüber, als er im September 1966 von Brian Epstein(1) kontaktiert wurde, der ihm anbot, für Paul McCartney bei den Beatles einzusteigen. Campbell erfuhr lediglich, dass McCartney bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sei, und dass er – Campbell – ihn ersetzen solle. Zu dieser Zeit waren die Beatles gerade in den Abbey Road Studios, um das Album Smile aufzunehmen, in dem es um die Jugenderinnerungen von Lennon & McCartney gehen sollte, die sich schon seit ihrer Schulzeit kannten und wie ein Herz und eine Seele waren. Doch daraus wurde nichts und die neue Platte bekam den Namen Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band. Dazu muss man wissen, dass William Campbell nicht irgendjemand war. Er und die Beatles kannten sich schon lange, nicht nur, weil er eine frappierende Ähnlichkeit mit McCartney hatte, sondern vor allem, weil er Studiomusiker war und sogar eine eigene Band hatte. Sie nannte sich Billy Pepper & The Pepperpots und spielte Beatlessongs nach. Wobei sein Künstlername Bill Shepherd war, beziehungsweise Billy Shears. Er ist gewissermaßen der neue Anführer der Beatles, also Sergeant² Pepper, und die restlichen Mitglieder sind die Club-Band der einsamen Herzen, weil Paul, der ehemals führende Kopf der Band, nicht mehr unter ihnen war. Interessant ist das Cover der Plattenhülle, die zum Aufklappen ist, auf dem die Beatles in bunten Uniformen zu sehen sind, alle mit Oberlippenbart, umgeben von Blumen und berühmten Persönlichkeiten der Weltgeschichte (u. a. Marilyn Monroe, Karl Marx und Aleister Crowley). Links von ihnen stehen die Beatles noch einmal als Wachsfiguren. Abgesehen davon, dass sie schwarze Anzüge tragen wie auf einer Trauerfeier, entscheidend ist, dass hier ihre tatsächlichen Größenverhältnisse stimmen. Vor den bunten Beatles, von denen der neue Paul deutlich größer ist als der alte, ist eine große Trommel mit dem Albumtitel platziert, umgeben von Blumenbeeten, die den Bandnamen erkennen lassen und davor Pauls Bassgitarre mit nur drei Saiten. Ganz rechts sitzt eine weibliche Puppe, die mit der rechten Hand einen weißen Austin Martin hält, das Auto, in dem McCartney ums Leben kam.
Aber der entscheidende Beweis dafür, dass es sich bei McCartney und Campbell um zwei verschiedene Personen handelt, wurde erst 42 Jahre später erbracht. Denn im Wired Magazin (8/ 2009) wiesen Francesco Gavazzeni und Gabriella Carlesi mit Methoden der Kraniometrie nach, dass es sich bei den beiden McCartneys nicht um ein und dieselbe Person handelt. Auch die Stimmenanalyse von Dr. Henry Truby, Leiter des Language and Linguistic Research Department der Universität von Miami, der die sogenannte Paul is dead-Theorie widerlegen wollte, kam zu dem gleichen Ergebnis. Nur mit dem Unterschied, dass er sogar drei verschiedene Stimmen fand, die McCartney zugeschrieben werden.

Who is who?

Im Grunde ist die ganze Welt eine riesige Bühne und tagtäglich finden noch ganz andere Verwirrspiele statt, die in der Summe dazu führen, dass niemand mehr wirklich weiß, was überhaupt abgeht. Dazu passen noch zwei Episoden des neuen McCartney, die – wenn man einmal um die wahren Zusammenhänge weiß – eher zum Schmunzeln anregen. Die erste ereignete sich 1980, als Campbell mit den Wings eine Tournee durch Japan machen wollte, aber schon auf dem Flughafen in Tokio wegen Drogenbesitzes verhaftet wurde. Ganze neun Tage (!) saß er in Untersuchungshaft und man kann sich kaum ausdenken, welches Hin und Her, ja welch hohe diplomatische Wellen dieser Zwischenfall geschlagen hat. Denn Campbell musste Fingerabdrücke von sich machen lassen, die aber nicht mit dem jungen McCartney übereinstimmten. Letzterer hatte nämlich zwanzig Jahre zuvor mal eine Nacht wegen Brandstiftung auf der Davidwache in Hamburg verbracht³, weshalb Fingerabdrücke abgenommen wurden, die bei Interpol immer noch gespeichert waren. Das war der Grund für ein tagelanges Verwirrspiel, bei dem sich die eine Seite sicher war, dass er ‘s ist, aber die andere meinte nein, er ist es nicht!
Der zweite Zwischenfall, bei dem eine Frau eine Vaterschaftsklage gegen McCartney eingereicht hatte, ging weitaus glimpflicher ab. Ihre Mutter hatte 1962 eine kurze Affäre mit dem echten McCartney. Die Klage ging im April 1983 vor dem Familiengericht in Berlin ein, das daraufhin eine Blutprobe anordnete, die der unechte McCartney in London abgab. Das Ergebnis war negativ, weshalb die Klage 1984 abgewiesen wurde.

It ‘s a criminal act

Doch der Austausch des echten McCartney durch einen falschen ist nicht das einzige Kuriosum bei den Beatles. Recht merkwürdig ist auch der Tod des Managers Brian Epstein, der am 27. August 1967 tot in seiner Londoner Wohnung aufgefunden wurde. Er hatte an diesem Tag Freunde auf seinen Landsitz eingeladen und war nur noch mal am Freitag, dem 25. August, kurz zu einem Termin nach London gefahren. Um sich dann zwei Tage später mit einer Überdosis Schlaftabletten umzubringen. Nicht weniger mysteriös ist der Tod des Vaters von Jane Asher.
(4)
Dr. Richard Asher, der u. a. auf dem Gebiet der Hypnose eine Koryphäe war, wurde im Keller seines Hauses, in dem McCartney Michelle und Yesterday schrieb, erhängt aufgefunden. Das gleiche Schicksal ereilte David Jacobs, den Anwalt der Beatles. Er wurde 1968 in der Garage seines Hauses mit einer Seidenkrawatte erhängt.
Betrachtet man all diese Vorkommnisse im gesamtgesellschaftlichen Kontext jener Zeit und bezieht die höchste politische Ebene mit ein [wenn man das nicht tut, kratzt man nur an der Oberfläche und kann die geschilderten Vorfälle nicht einordnen], dann landet man irgendwann beim Tavistock Institute und seinem Social Engineering, bei dem es ja darum ging, eine neue Jugendkultur als Massenkultur zu etablieren. Dem entgegen standen die Interviews des jungen McCartney, der in gewisser Weise eine Lichtgestalt war wie später Michael Jackson oder Lady Di. Offenbar waren seine Statements gewissen Kreisen ein Dorn im Auge, die in Anbetracht der großen Popularität der Beatles Bedenken hatten, dass sich der Beatleskult
(5) in die falsche Richtung entwickeln könnte. Also bediente man sich zunächst einer inszenierten Medienkampagne, die mit Lennons Ausspruch einherging, die Beatles seien populärer als Jesus, was er nie so gesagt hat (denn die Passage stammt aus einem Interview und wurde aus dem Zusammenhang gerissen). Hierbei ist die zeitliche Abfolge der Ereignisse wichtig, um zu erkennen, was damals wirklich passierte. Zunächst nämlich blieb Lennons Interview vom März 1966 unbeachtet. Erst im Juli 1966 wurde es neu veröffentlicht und die bekannte Passage auf die Titelseiten amerikanischer Zeitungen gedruckt. Zuvor, und zwar im Juni 1966, hatten sich die Beatles gerade mit dem britischen Philosophen Bertrand Russell getroffen, der ein starker Kritiker des Vietnamkriegs war. Kurz darauf hatte sich auch der junge McCartney gegen den Krieg ausgesprochen. Drei Monate später, am 11. September 1966, stirbt er früh um fünf bei einem Verkehrsunfall mit seinem weißen Austin Martin auf der M1(6) in London.
Heather Mills, Campbells zweite Ehefrau, sagte nachdem sie sich 2008 von ihm getrennt hatte, hinter der Beatles-Geschichte stecke eine Wahrheit, die niemand wissen wolle. Sie müsse schweigen, weil sie ihren Ex-Mann, sich und ihre Tochter schützen müsse, because it ‘s a criminal act.


1 Manager der Beatles, 2 Feldwebel, 3 Zusammen mit Pete Best, dem Beatles-Schlagzeuger,
4 McCartneys Freundin, 5 Beatlemania, 6 Motorway 1

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